
Nicolas Bourriaud. Manifest der Altermodernität / Die Postmoderne ist tot.
2009 (Übersetzung aus dem Englischen Helmut Hartmann)
Reisen, Kulturaustausch und die Betrachtung von Geschichte sind nicht bloß modische Themen, sondern Ausdruck einer hintergründigen Entwicklung unserer Weltanschauung und über die Art und Weise wie wir auf der Welt leben.
Grundsätzlicher, unsere globalisierte Wahrnehmung fragt nach neuen Formen der Repräsentation: unser Alltagsleben wird ausgespielt gegen eine viel gewaltigere Kulisse als jemals zuvor und zeigt sich nun abhängig von länderübergreifenden Gebilden, Kurz- oder Langstreckenreisen in einem chaotischen und wimmelnden Universum.
Viele Zeichen verweisen auf ein Ende des Zeitabschnitts, der durch die Postmoderne bestimmt war: Multikulturalität und der Diskurs über Identität wird überholt durch eine weltweite Bewegung der Kreolisierung; kulturelle Relativität und Dekonstruktion, substituiert für den modernistischen Universalismus, gibt uns keine Handhabe gegen die doppelte Bedrohung durch Uniformität/ Massenkultur und gegenüber einem traditionalistischen, politisch rechtsextremen Sich-Ausklinken.
Die Zeit scheint jetzt günstig für einen Neuansatz von Modernität, neu zusammengesetzt im Hinblick auf die besonderen Kontexte in denen wir uns bewegen - entscheidend im Zeitalter der Globalisierung - im Nachvollzug ihrer ökonomischen, politischen und kulturellen Bedingungen: eine Altermodernität.
Wenn die Moderne des 20. Jahrhunderts vor allem ein westliches Kulturphänomen war, entsteht Altermodernität aus weltumfassenden Verhandlungen, Diskussionen zwischen den Maklern unterschiedlicher Kulturen. Seines Zentrums beraubt kann es nur vielsprachig sein. Altermodernität ist charakterisiert durch das Moment der Übersetzung, im Gegensatz zur Moderne des 20. Jahrhunderts, das die abstrakte Sprache des kolonialistischen Westens nutzte, und im Gegensatz zur Postmoderne, die die künstlerischen Phänomene von Originalität und Identität besonders pflegte.
Wir betreten das Zeitalter der Untertitelung, einer umfassenden Synchronisierung. Die Kunst der Gegenwart erkundet die Fesseln, die Text und Bild miteinander verweben. Künstler durchqueren eine Kulturlandschaft, die mit Zeichen gesättigt ist, indem sie neue Wege zwischen den mannigfachen Formaten des Ausdrucks und der Kommunikation einschlagen.
Der Künstler wird zum ‚homo viator‘ (Piloten), zum Prototypen des zeitgenössischen Reisenden, dessen Durchquerungen von Zeichen und Formaten sich auf die zeitgenössische Erfahrung von Mobilität, Reise und Überquerung bezieht. Diese Entwicklung wird deutlich in der Art und Weise wie die Arbeitsergebnisse entstehen: neue Formen erscheinen, die Reise-Form, charakterisiert durch Bewegungen in Raum und Zeit, eher die Materialisierung von Bewegungsverläufen als diejenige von Zielenvereinbarungen. Die Form der Arbeit drückt eine Richtung aus, eine Bewegung im Gegensatz zu einer festgelegten Raum-Zeit.
Altermoderne Kunst wird demzufolge als ein Hypertext gelesen: Künstler übersetzen und transkodieren Informationen von einem Format in ein anderes, und bewegen sich in der Geografie wie in der Geschichte. Dies führt zu Praktiken, die sich nun als ‚time-specific‘ artikulieren, als Antwort auf ‚site-specific‘ Arbeiten der 60er Jahre. Fluglinien, Übersetzungsprogramme und Verkettungen heterogener Elemente bilden gegenseitig ein Gelenk. Unser Universum wird zum Geltungsbereich aller Dimensionen, die sich sowohl in der Zeit als auch im Raum bewegen.